acameo-Gesellschafter Frank Duerr spricht zum Thema "Private Imagination und öffentlicher Konsens" am 12.02.10 in Tübingen

12.02.2010

Viele mentale Zustände wie Überzeugungen, Wünsche oder auch Gefühle zeichnen sich durch ihre Intentionalität aus: d.h. sie sind auf etwas bezogen, sie haben einen Inhalt. Ist unser Denken dabei privat oder öffentlich? Können wir unsere eigenen Vorstellungen auf die Öffentlichkeit projezieren?

Diese Frage ist für einen Semiotiker wie Umberto Eco natürlich von besonderem Belang, denn jemand der sich mit Verweisstrukturen und Interpretationsprozessen von Zeichen beschäftigt, tut gut daran zu klären, ob die Abfolge von Interpretationen und Re-Interpretationen im Grunde völlig offen und variabel sein kann oder ob sie irgendwo an Grenzen stößt, ob also unsere kulturell evolvierten Deutungsmuster irgendwo an eine harte, externe Grenze stoßen.

Frank Dürr unterscheidet mit Eco drei Aspekte: Erstens gibt es den sogenannten kognitiven Typus, der wahlweise mit der frühneuzeitlichen Idee, dem Kantischen Schema oder dem Russelschen bzw. Mooreschen Sinnesdatum verglichen werden könnte: Der kognitive Typus ist das Resultat eines Wahrnehmungsprozesses und privat. Statt sich dieser Frage nun mit Blick auf die Details von Wahrnehmungsprozessen bzw. den Vorgängen in der Black Box zuzuwenden, wird ein zweiter, komplementärer Aspekt des Inhalts eingeführt: der nukleare Inhalt. Er ist als Kern von innerhalb einer Kultur bestehenden Interpretationen materiell – etwa in Form von sprachlichen Ausdrücken – instantiiert und damit öffentlich, steht dem Kognitiven Typus aber nicht einfach gegenüber, sondern wirkt stabilisierend auf diesen zurück. Aus diesem sozial konsolidierten Inhaltsaspekt kann Frank Dürr überzeugend einen kollektiven Externalismus ableiten. Bliebe es bei diesen zwei Aspekten, hätte jedoch nach wie vor die internalistische Annahme Bestand, daß wir als kognitive Akteure wissen müssen – und sei es auch durch den durch andere konsolidierten Inhalt –, welche Kriterien zur Identifikation eines Gegenstands der Referenzklasse erforderlich sind. Um diese Forderung, ja kognitive Überforderung, zu umgehen, verweist Frank Dürr auf einen dritten Aspekt, der an Putnams These der sprachlichen Arbeitsteilung gemahnt: den molaren Inhalt, der erweiterte, ja enzyklopädische Kompetenzen umfaßt, die gerade nicht von allen Mitgliedern der kulturellen bzw. der Sprachgemeinschaft geteilt zu werden brauchen. Wie Frank Dürr überzeugend festhält, ist damit eine Möglichkeit gewonnen, kognitive Prozesse nicht entweder hier oder dort zu suchen, sondern im Zusammenspiel von Kognition und Konsens[bildung].

Der Vortrag findet um 9:15 Uhr am Freitag, den 12.02.10 in der Burse (Tübingen) statt. Die Veranstaltung trägt den Titel "Denken wir im Kopf?" und endet nach drei weiteren Vorträgen gegen 18 Uhr. Flyer downloaden

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